Lärmbelästigungen in Kitas  

Fragt man Kitafachkräfte, was sie am meisten belastet, ist die Antwort nahezu einhellig: der Lärm. Mit einer Kombination aus pädagogischen und bauakustischen Mitteln ist jedoch Abhilfe möglich.

Oben in der Bewegungsecke ist pogo. Kinder kreischen, Eltern verabschieden sich, weinend rennt ein Knirps durch den Gang, krach, eine Legokiste stürzt um. Kathrin Koppatz klatscht in die Hände. „Auf geht´s Kinder, in die Gruppenräume.“ Ab zum Morgenkreis. Türen schlagen, Stühle quietschen, Tische ruckeln. Dann wird es ruhiger. In Raum 117 schnappt Koppatz ihre Gitarre und spricht in die zum Mikrofon geballte Faust: „Meine Damen und Herren, Sie hören den Kinderchor Freienwalder Straße.“ Der Morgenkreis stimmt das Lied von Bocky Bockwurst an.

Eine laute Arbeitsumgebung gehört zu Koppatz‘ Alltag. Seit 36 Jahren arbeitet die stellvertretende Leiterin der Kita Freienwalder Straße 19c in Berlin als Erzieherin, seit 1999 muss sie mit Tinnitus leben. Mal sind die Beschwerden mehr, mal weniger schlimm, je nach Stress und Lärmpegel. Wenn montags die Kids aus einem oft bewegungsarmen Wochenende in die Einrichtung strömen, ist es besonders laut. Auch wenn Kolleginnen und Kollegen krank sind und das Team in abgespeckter Personalstärke den Alltag wuppen muss, geht der Geräuschpegel nach oben. „Und ab 50 ist man ohnehin lärmempfindlicher“, sagt Koppatz. Auch weil das Gehör bei schwindender Hörkraft schrille Töne schärfer wahrnimmt. Vielen Kolleginnen geht es nicht anders. Eine war nach einem Hörsturz ein Jahr arbeitsunfähig, eine andere versucht, die Obertöne in der Krippe mit speziellen Ohrstöpseln wegzufiltern. Koppatz: „Lärm ist der größte Stressfaktor im Kitaalltag.“

„Wer solchen Werten jahrelang acht oder mehr Stunden am Tag ausgesetzt ist, riskiert mechanische Schädigungen des Gehörs.“ (Matthias Lange)

Lange wurde das Problem unterschätzt. „Lärmbelastung in Bildungseinrichtungen hat schlicht niemanden interessiert“, sagt Matthias Lange von der Unfallkasse Hessen, „bis Anfang der 2000er-Jahre gab es nicht mal seriöse Messungen.“ Die erste Studie wurde 2001 vom Arbeitswissenschaftlichen Institut der Gesamthochschule Kassel erstellt. Sie dokumentiert eine Belastung im Mittelwert von 80 bis 85 Dezibel. Das ist etwa so laut, als wenn ein Lkw in fünf Metern Entfernung an einem vorbeifährt und entspricht der Lärmbelastung an der Drehbank eines Autowerks. Lange sagt: „Wer solchen Werten jahrelang acht oder mehr Stunden am Tag ausgesetzt ist, riskiert mechanische Schädigungen des Gehörs.“

Lärm hat auch gravierende psychische Auswirkungen. Zahlreiche Studien über den Arbeitsplatz Kita bestätigen: Belastungsfaktor Nummer Eins ist Lärm, gefolgt von Stress. So gaben in der Untersuchung „Strukturqualität und Erzieherinnengesundheit in Kindertageseinrichtungen“ (STEGE), für die zwischen 2010 und 2012 2.744 Erzieherinnen und Erzieher in Nordrhein-Westfalen befragt wurden, 94 Prozent der Fach- und 88 Prozent der Leitungskräfte Lärm als größten Belastungsfaktor an. Alfred Schmitz, Experte für Bau- und Raumakustik und Professor an der TU Braunschweig, wundert das nicht. „Ein Lärmpegel, auch wenn er phasenweise niedriger liegt, um die 80 Dezibel macht auf Dauer psychisch mürbe.“ Das Problem: Zwei, drei Stunden – wie bei einem Rockkonzert – lässt sich das aushalten. Deshalb, sagt Schmitz, zuckten Träger bei Ortsbesuchen auch oft mit den Schultern: halb so schlimm. „Doch als Dauerzustand ist es wie Gift.“

Im Kitaalltag verdichten sich dabei Geräusche aus einer Vielzahl von Quellen zu einem schwer erträglichen Lärmgewirr: Spielen, Streiten, Singen, Rennen mischen sich mit Lauten aus Küche, Garten und von der Straße; der Schall aus Werk- und Bewegungsräumen breitet sich in die Gruppenräume aus. Außerdem wird der Schall an Wänden, Decken und Fußböden reflektiert, Nachhallzeit nennen das Experten. „Bei einer Nachhallzeit von 0,5 Sekunden ist die Raumakustik angenehm, in Kitas aber messen wir oft 1,2 bis 2 Sekunden“, erläutert Schmitz. Verschärft wird die Lautstärke durch den sogenannten „Lombardeffekt“: Bei schlechter Raumakustik sprechen Menschen automatisch lauter, schreien mehr, werden aggressiver. Schmitz sagt: „So kommt ein Aufschaukeleffekt in Gang, der den Lärm hochschraubt.“

Eine Schalldämpfung für einen 60-Quadratmeter-Raum kostet Experten zufolge nicht mehr als 2.500 Euro.

Das belastet auch die Kinder. Ein hoher Lärmpegel beeinträchtigt Konzentration, Informationsverarbeitung und besonders das sprachliche Lernen. Denn Kinder können Störgeräusche schlechter als Erwachsene ausblenden. Bei Lärm lässt die Konzentration schneller nach; sie haben zunehmend Mühe, Sprachlaute korrekt zu erkennen. Kinder nichtdeutscher Muttersprache könnten der Kommunikation sogar oft nur noch bruchstückhaft folgen, sagt die Psychoakustikerin Maria Klatte von der TU Kaiserslautern: „Sie werden aus dem kommunikativen Geschehen in der Gruppe ausgegrenzt.“

Umso wichtiger ist, etwas gegen den Lärm zu tun. Gardinen aufhängen oder Teppiche ausrollen bringt freilich wenig. Aber auch ohne große architektonische Umbauten lasse sich einiges bewirken, sagt Raumakustiker Schmitz. Gummimatten auf den Spieltischen, Filzgleiter unter Stuhlbeinen, bessere Dichtgummis an Türen, Teppich statt Holzboden oder Laminat reduzieren Lärmquellen. Wirksam: Große Flächen mit dämmenden Materialien belegen und zwar dort, wo der Schall ankommt – an den Decken und im oberen Drittel der Wände. „Geeignet sind offenporige, nicht entflammbare Akustikschaumstoffe ab fünf Zentimeter Dicke. Die gibt es im Schaumstoffhandel“, sagt Schmitz, „damit lässt sich die Nachhallzeit mindestens halbieren.“ Wichtig: Rücksprache mit Brandschutzbehörde und Träger nehmen. Mehr als 2.500 Euro kostet so eine Schalldämmung für einen 60 Quadratmeter-Raum laut Schmitz nicht.

Lärmprävention ist auch eine Frage von Organisation und Pädagogik. Lange von der Unfallkasse Hessen rät Einrichtungen, Tagesablauf, Raumnutzung und Pädagogik auf den Prüfstand zu stellen. Wo lassen sich zusätzliche Ecken oder Außenflächen nutzen, in denen die Kinder Dampf ablassen können? Wie lassen sich Stoßzeiten entzerren, Freispielphasen verteilen, Lärmpausen einplanen, Essenszeiten ruhiger gestalten? Kann die Arbeit mit den Kindern in kleineren Gruppen organisiert werden? Lange betont: „In der Kombination mit bauakustischen Maßnahmen lässt sich so viel Lärm im Kitaalltag eindämmen.“